Es gibt keine Zufälle…

Es ist eine alte Gewohnheit von mir, bei Aufenthalten in Wien das Revier rund um meine Bleibe zu Fuß abzustecken. So tat ich das auch 1997, als ich meine Tochter zum ersten Mal in ihrer neuen WG in der Wilhelminenstraße besuchte. Bei meinem abendlichen Streifzug entdeckte ich gleich in der Nachbarschaft ein altehrwürdiges Fahrradgeschäft mit einem Hasen in der Auslage – einem lebenden! Erst Wochen später war ich wieder zu Geschäftszeiten in Wien und konnte der Sache auf den Grund gehen.

Herr Brunner – wir waren jahrelang per Sie – beeindruckte mich vom ersten Satz an nicht nur mit seiner Kompetenz und seinem Wissen. Es waren vor allem auch seine g’feanste und gleichzeitig unaufgeregte Art, sein Umgang mit Mensch und Material sowie sein Ideenreichtum, wenn Lösungen gefragt waren.

Schon bald verband uns mehr als nur fachlicher Austausch – ich besuchte Wolfgang wann immer ich in Wien war (und das war nicht selten). Rückblickend betrachtet kann es für mich kein Zufall gewesen sein, dass mich einer meiner Streifzüge zu diesem spannenden Menschen geführt haben.

Es war eine besondere Ehre für mich, zu seinem 60-jährigen Berufsjubiläum zu seinem Straßenfest im August 2016 eingeladen zu sein. Es dauerte nicht lange, bis sich Polizeibeamte wegen der Straßenblockade und der Menschenansammlung wichtig machten. Typisch Wolfgang war dabei, dass er sich alles geduldig anhörte und danach unschuldig fragte: „Ah, braucht man da eine Bewilligung?“ Nur um nach – für ihn – angemessener Zeit eine ebensolche aus einem hohen Papierhaufen zu fischen.

Trotz nachlassender Kräfte und seiner überraschenden Beinamputation war Wolfgangs Lebenswille und Lebensfreude auch in den letzten Jahren ungebrochen. Bei einem Besuch im Spital antwortete er auf meine Frage nach seinem Befinden mit dem für ihn typischen, trockenen Humor: „Brauchbar.“ Diese Aussage sollte sich bis zu seinem plötzlichen Tod bewahrheiten.

Er wäre sicher stolz und zufrieden, wenn er sehen könnte, wie Clemens Schachinger, sein letzter „Lehrling“, das Paradies in der Degengasse in seinem Sinne weiterführt. Vermutlich hat Wolfgang ihm nicht nur sein Geschäft, sondern auch ein wenig von seiner Akribie und seiner Gelassenheit vererbt.