Hellblauer Luxus

Im großen Teich der österreichischen Fahrradhersteller der 60er-Jahre hießen die Hechte Puch und Junior, Select gehörte zu den Karpfen. Aber zu den fetten, so wie Rih, Dusika oder Capo. Gegründet wurde die Firma von Georg Gartner bereits im Jahr 1924.

Gegen Ende der 30er-Jahre nahm Gartner einen Rahmenbauer unter Vertrag und ließ eigenständige Modelle unter dem Label „Geoga“ (Georg Gartner) fertigen. Den Namen „Select“ wählt er erst nach Ende des Zweiten
Weltkriegs aus: Weil das englische Verb „Select“ eben einerseits auswählen,
selektieren bedeutet, andererseits als Adjektiv für exklusiv, erlesen, vorzüglich steht. Und exklusiv sollten sie sein, die Select Fahrräder, denn es entstanden nahezu ausschließlich Renn- und Sporträder am Lerchenfeldergürtel. Wer
sich dafür interessiert und wissen will, was unter Gartners „silberner, gelbroter oder weißer Phase“ zu verstehen ist, der sei auf das Buch „Wiener Mechanikerräder“ verwiesen, erschienen im Verlag Hollinek.

Aus einer blauen Phase könnte dieses Damenmodell Luxus stammen, wenn es denn eine gegeben hätte. In der Sammlung Lettner sticht es aber weniger aufgrund seiner Farbe hervor, sondern eher wegen seiner Exklusivität. Den Standplatz teilt es sich mit Puch und Junior Rädern, was den
Marktanteil Selects in dieser Ära widerspiegelt. Ist die Marke an sich
schon selten, trifft das umso mehr auf die Type zu. Damenausführungen hat Gartner angeblich nur sehr wenige gebaut, sein Klientel waren Amateurrennfahrer, und die waren zur damaligen Zeit vorwiegend männlich. Das Select ist in den in damaligen Trendfarben Hellblau und Weiß lackiert und hat eindeutig sportliche Züge – trotzdem trug es den Modellnamen „Luxus“. Was aber eher reichlich Chrom (z.B. an den Rahmenmuffen), viel Alltagszubehör und der Sturmey Archer Dreigang Nabe geschuldet ist als der Rahmengeometrie.

Das Select Luxus wurde bei der Aufbereitung für die Sammlung Lettner im Originalzustand belassen. Ihm wurde lediglich eine Frischzellenkur verpasst, die es wieder einsatzbereit gemacht hat.

Dieser Text und die Fotos wurden ursprünglich auf Website von Hannes Denzel veröffentlicht. Ich bedanke herzlich bei ihm für die freundliche Genehmigung, den Text hier in leicht adaptierter und gekürzter Form verwenden zu dürfen.